Der folgende Redebeitrag wurde auf der Solidemonstration am 27.06.2026 vorgetragen:
Mit den Worten: „Es deutet einiges auf eine Notwehrsituation hin.“ lässt sich der ermittelnde Staatsanwalt Frank-Michael Laue im Göttinger Tageblatt zitieren. Damit ist klar, wer in den Augen der Staatsanwaltschaft eigentlich Schuld an dem versuchten Mord ist: der lebensbedrohlich verletzte Antifaschist selbst. Es wird eine Täter-Opfer-Umkehr vom Feinsten betrieben.
Dass Antifaschist:innen die wahren Schuldigen des rechten Terrors wären, ist wahrlich keine Erfindung des Göttinger Staatsanwalts. Die Bagatellisierung faschistischer Gewalt hat in den Göttinger Ermittlungsbehörden eine lange Tradition. Bereits der ehemalige Chef der Göttinger Polizei, Knoke, machte Antifaschist:innen im Winter 1989 als Ursache für die damals grassierende Skinheadgewalt aus: Im GT sagte er, Autonome würden die rechten suchen und verprügeln, Neonazis gäbe es hingegen kaum. Das Problem werde lediglich herbeigeredet. Ein Jahr später zogen zwei Faschisten mit den Worten: „Wir gehen jetzt Linke aufmischen“ los und erstachen Alexander Selchow in Rosdorf. Dieser Mord stellte einen Höhepunkt faschistischer Gewalt Anfang der 1990er Jahre in Göttingen dar und fiel – im Gegensatz zur Behauptung des Göttinger Oberpolizisten – nicht vom Himmel. Ab 1987 haben Antifaschist*innen dutzende rechte Gewalttaten dokumentiert, darunter Brandanschläge auf migrantische Jugendclubs, Schüsse mit Schreckschusspistolen auf linke Orte, wie das Juzi oder eben körperliche Angriffe. Diese Angriffe waren immer durch eine besondere Brutalität geprägt. Fast immer haben die Faschist*innen Waffen dabei, fast immer setzen sie sie ein.
Die Folge: Migrantisierte Menschen, Queers und Antifaschist*innen werden verletzt, erleiden Knochenbrüche und müssen im Krankenhaus – zum Teil intensivmedizinisch – behandelt werden.
4 Jahrzehnte später sieht es nicht anders aus:
Die Tat vom vergangenen Samstag fiel ebenfalls nicht vom Himmel. Der Täter und seine Nazifreunde eskalierten in den letzten Wochen immer deutlicher, indem sie zum Beispiel eine Regenbogenfahne übermalten und vermeintliche Linke angriffen. Ziel dieser Angriffe ist es, rechte No-Go-Areas in Göttingen zu etablieren.
Doch welche staatlichen Konsequenzen folgen auf solche Angriffe?
Die Mörder von Alex wurden 1991 lediglich „wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge“ verurteilt.
Bis heute hat die BRD Alex nicht als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. In dieser Tradition bewegt sich ebenfalls der Göttinger Staatsanwalt: Mit Verweis auf eine vermeintliche Notwehrsituation werden Faschist:innen entlastet, während Antifaschist*innen zu den eigentlichen Schuldigen gemacht werden.
Vor 37 Jahren wurde die Antifaschistin Conny von der Polizei in den Tod gejagt, weil sie der rechten Gewalt in Göttingen nicht tatenlos zusehen wollte. Heute werden Antifas durch den Staat mit Terrorismusverfahren überzogen.
Dieses Klima, in dem Antifas, also jene, die sich für ein menschenwürdiges Leben einsetzen, dämonisiert werden, ist der Nährboden für die eskalierende faschistische Gewalt.
Die Hetze gegen Linke erfolgt dabei in einem Ping-Pong-Spiel zwischen Neonazis auf der Straße, polizeilichem Verfolgungswahn, rechten Medien und Konservativen. Sicherlich sind diese Gruppen nicht identisch und verfolgen unterschiedliche Ziele, doch sie verfügen über gemeinsame Feindbilder. Die Tat vor einer Woche darf nicht als isoliertes Göttinger-Problem betrachtet werden. Sie ist Konsequenz eines gesellschaftlichen Klimas, in dem „Links vorbei“ sein soll, Geflüchtete in Abschiebelager gesperrt werden und die AfD kurz davor steht, staatliche Machtmittel in die Hand zu bekommen.
Damals wie heute ist klar:
Der Staat wird in Zukunft weder Antifaschist*innen, noch Demokrat*innen,vor der faschistischen Gefahr schützen. Es bleibt nur die bittere Erkenntnis, dass wir dies selbst tun müssen.
Ein Genosse wurde getroffen. Er war weder der Erste, noch wird er der Letzte gewesen sein. Deswegen muss es für uns alle heißen: Wir werden weiter für das Leben kämpfen. Das heißt Kampf den Faschist*innen bis alle in Frieden, Freiheit und Solidarität leben können!